Mama dank offener Eizellspende

Von Daniela Vogel

Im Juli 2022 lag ich in einem OP-Saal und brachte ein bezauberndes Mädchen auf die Welt. Als ich ihren ersten Schrei hörte, kamen mir vor Glück die Tränen. Sie machte unsere Familie komplett. Von außen betrachtet sahen wir nun wie eine Durchschnittsfamilie aus: Vater, Mutter, zwei Kinder, Junge und Mädchen.

Niemand sah den Kindern an, dass es sie, wenn es nach dem deutschen Staat gegangen wäre, gar nicht geben dürfte.

Niemand sah uns an, dass wir über zehn Jahre einen unerfüllten Kinderwunsch hatten. Niemand sah die Tränen, die finanziellen Belastungen und die enttäuschten Hoffnungen, die in den Kinderwunschbehandlungen in Deutschland entstanden waren. Und niemand ahnte, dass es nur einer großherzigen dänischen Grundschullehrerin und einer dänischen Kinderwunschklinik zu verdanken war, dass wir eine Familie geworden sind, eine Familie nach Eizellspende.

Dass es schwer werden würde, schwanger zu werden, wusste ich vor gut zwölf Jahren nicht. Wie die meisten Menschen ging ich sehr naiv davon aus, dass es vielleicht ein paar Monate dauern würde, schwanger zu werden. Doch die Zeit verstrich und ich wurde und wurde nicht schwanger. Im Rückblick ist es schnell zusammen gefasst, dass wir erst sanfte Methoden probierten, dann zur Kinderwunschklinik gingen und dann eine Eizellspende in Anspruch nahmen. In Wahrheit war jeder dieser Schritte nicht einfach und erforderte erst mal Überwindung.

Foto: Daniela Vogel

Ungewollte Kinderlosigkeit ist keine Befindlichkeitsstörung, sondern greift tief in die Lebensplanung und das Bild, das man von sich selbst hat, ein. Es ist eine Lebenskrise und die Unfruchtbarkeit eine Krankheit. 

In der Kinderwunschklinik hatte ich insgesamt 14 assistierte Befruchtungen mit nur wenigen Embryotransferen. Denn mein Problem war, dass mein Körper nur wenige Eizellen produzierte, die auch noch von schlechter Qualität waren. Die Chance auf eine Schwangerschaft mit eigenen Eizellen war im unteren einstelligen Prozentbereich. Ich war ein glasklarer Kandidat für eine Eizellspende. Aufgrund der Gesetzeslage konnten mir die deutschen Ärzte nicht helfen, Eizellspende ist in diesem Land illegal. Mehr noch, die Ärzte durften mich noch nicht mal auf diese Behandlungsoption hinweisen. Ich habe jahrelang medizinisch völlig nutzlose und teure Behandlungen durchlaufen, für Körper und Seele unglaublich belastend. 

Es gibt viele Diagnosen und Gründe, die Frauen und Paare zur Eizellspende führen. Schlechte oder gar keine Eizellen, genetische Krankheiten oder Abweichungen, oder es war schlicht der richtige Partner zu spät gefunden. Ich war noch keine 30, als wir eine Familie werden wollten, aber durch die jahrelangen Behandlungen schon 40 beim ersten Embryotransfer nach Eizellspende. Wenn Frauen wie mir dann vorgeworfen wird eine alte Mutter zu sein und hätte ich mal früher angefangen bräuchte ich keine fremde Eizelle, dann tut das weh. Ich bin absolut zufrieden mit meinem Leben und der besondere Weg hat uns zwei wunderbare Kinder geschenkt, aber natürlich war eine Eizellspende und späte Mutterschaft mit all ihren Herausforderungen nicht der Plan A.

Durch die Illegalität der Eizellspende in Deutschland müssen sich betroffene Frauen und Paare selbst Informationen besorgen und selbstständig diesen Weg einschlagen. Das betrifft die Organisation (wo, wie, wann und was kostet es) und genauso die emotionale und psychologische Seite. Eine Eizellspende will schließlich gut überlegt sein, das macht man nicht einfach so. Viele Fragen haben wir uns gestellt, bis wir sicher waren, dass es unser Weg ist. Würde ich ein Kind lieben können, das genetisch nicht von mir ist? Sind Adoption oder Pflegschaft Optionen? Wie fühlt sich das Kind später, wie und wann klären wir auf, und wie funktioniert überhaupt eine Familie nach Eizellspende?

Wir kamen zu dem Schluss, dass die Genetik für die Liebe keine Rolle spielt. Mir war es aber unglaublich wichtig, mit meinem Kind auch schwanger zu sein. Adoption und Pflege trauten wir uns nicht zu, diese Wege waren nicht unsere. Zudem gibt es deutlich mehr Bewerberpaare als zu adoptierende Kinder.

Zur Frage der Aufklärung und des Selbstbildes von uns und dem Kind ließen wir uns beim BKiD, der deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung, beraten. Danach fühlten wir uns psychologisch gut gerüstet. Wir würden stolz diesen Weg gehen, schon auf dem Wickeltisch aufklären und eine offene Spende machen.

Nun recherchierten wir, wo wir eine Eizellspende machen könnten. 

In Europa stehen Deutschland und die Schweiz mit ihrem Verbot der Eizellspende allein da, in den meisten Ländern ist es erlaubt. Spanien und Tschechien haben Kliniken mit jahrelanger Erfahrung und guter Chance, allerdings darf man in beiden Ländern nur anonym spenden. Das bedeutet, dass das Kind seine Spenderin nie kennenlernen wird. In Ländern wie Großbritannien, Finnland und Dänemark gibt es dagegen die offene Spende, hier kann das Kind später bei Interesse Kontakt zur Spenderin aufnehmen. Und das wollten wir einem Kind auf jeden Fall ermöglichen. Die einzelnen Vorgaben zur Altersgrenze, Spendenform, Medikation und Organisation sind von Land zu Land unterschiedlich, ein deutscher Interessent muss hier selbst recherchieren und sich entscheiden. 

Wir entschieden uns für eine Klinik in Jütland in Dänemark. In Dänemark sind keine Eizellbanken erlaubt, die Spenderin wird für jede Empfängerin frisch stimuliert. Wir konnten Anforderungen bezüglich Größe, Haarfarbe oder Blutgruppe der Spenderin machen, aber wir hatten keine speziellen Wünsche. Das Aussehen der Spenderin oder gar unseres Kindes war uns völlig egal. 

Nach vier Monaten hatten sie für uns eine Spenderin gefunden. Wir bekamen die Basisdaten zu Größe, Gewicht, Haar- und Augenfarbe und Blutgruppe und sagten zu. Wir hatten Glück, unsere Spenderin spendete mit erweitertem Profil und wir bekamen einen Brief von ihr und Kinderfotos. Es war ein ganz besonderes und merkwürdiges Gefühl, diese nette Frau würde also mit uns zusammen ein Kind zeugen, und dennoch durften wir sie nicht kennenlernen. Doch durch die Fotos und den Brief bekamen wir ein Gefühl für sie aus Person, und es war komplett stimmig für uns. Es freute uns, vor allem für unsere Kinder, dass wir so viel über die Spenderin wissen. Aus diesem Brief wissen wir, dass sie als Grundschullehrerin arbeitet. Und damit ist, zumindest in unserem Fall, auch das gern vorgebrachte Argument hinfällig, dass Eizellspenderinnen alle ausgebeutet werden. Eine 27-jährige Lehrerin weiß sehr gut, was sie tut und sie verdient auch gut genug, um nicht auf die 1000 € Entschädigung angewiesen zu sein. Tatsache ist, sie verdient mehr Geld als ich, wir haben uns die Behandlung ansparen müssen. 

Nach einer Dekade voller Rückschläge hatten wir richtig Glück: Unsere Spenderin schenkte uns acht Eizellen! Alle konnten mit dem Sperma meines Mannes befruchtet werden und alle acht entwickelten sich zu einer Blastozyste weiter. Normal ist, dass sich ca. 30 % weiterentwickeln. Aber wir hatten nun acht Blastozysten eingefroren. Somit war klar, dass die Chance auf ein Kind und sogar ein Geschwisterkind sehr, sehr hoch ist. Da ist so ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit der Spenderin gegenüber. Dank ihrer Spende konnten wir eine Familie werden.

Der erste Embryotransfer führte nicht zu einer Schwangerschaft, aber beim zweiten bin ich schwanger geworden. Der Transfertag ist für uns ein ganz besonderer Tag, der Tag, als mein Sohn bei mir einzog. In der Schwangerschaft war ich unentspannt. Ich hatte solche Ängste, dass noch etwas schiefläuft. Und ich habe mir viel Gedanken gemacht über die Spende. Ich liebte meinen Sohn schon in meinem Bauch und ich wollte, dass er das auch weiß. Jetzt, nach dem zweiten Kind, kann ich sagen, dass die Frage nach der Spende im Alltag überhaupt keine Rolle spielt. Es sind einfach unsere Kinder. Und dennoch ist ihre besondere Herkunft Teil ihrer Geschichte, über den sie Bescheid wissen sollen und auf den sie stolz sein können. Und hier ist der Verein FE-Netz – Familien nach Eizell- und Embryonenspende von großer Bedeutung: Hier finde ich Gleichgesinnte, bekomme Tipps zur Aufklärung und Unterstützung. Und bei den Treffen sehen meine Kinder, dass sie nicht allein sind mit ihrer Entstehung.

Zudem setzt sich der Verein für die Legalisierung ein. Sobald ich schwanger war, war die Tatsache der Eizellspende für meine Ärzte zwar strafrechtlich nicht mehr relevant, es ließ mich aber zögern, mich zu outen. Viele Familien nach Eizellspende gehen aus diesem Grund mit ihrer Geschichte nicht offen um, und genau dieses Tabu belastet die Kinder, nicht die Spende an sich.

In meiner Elternzeit habe ich unsere lange Geschichte verarbeitet und ein Buch geschrieben über unseren Kinderwunschweg, die Spende und Aspekte wie Aufklärung, rechtlicher Rahmen und vieles mehr. Ich freue mich immer, wenn Leser mit mir Kontakt aufnehmen und ich ihnen Mut machen konnte für diesen Weg. Natürlich ist auch die Eizellspende keine Garantie auf ein Kind und nicht jede kann diesen Weg gehen, aber es kann ein verdammt guter Weg sein.

Mein Buch ist im Frühjahr erschienen und heißt „Der zweite Strich – Mama dank offener Eizellspende in Dänemark“. Es ist online über Amazon und lokal im Buchhandel erhältlich bzw. bestellbar. 

Wenn ihr Fragen habt, dürft ihr mich auch gern über Instagram anschreiben, ich bin dort als mama_nach_ezs aktiv.

Daniela Vogel

Mama von zwei wunderbaren Kindern 

    

Daniela Vogel

Daniela Vogel wurde 1979 in Karlsruhe geboren. Schon immer sehr familienorientiert war es für Daniela sehr schwer, als sich ihr Kinderwunsch lange Jahre nicht erfüllte. Durch eine Eizellspende im Ausland wurde sie schließlich schwanger. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie in ihrem Erstlingswerk „Der zweite Strich“.

Hinweis: Gastautor_in
Für unsere Gastbeiträge laden wir Expert_innen auf ihrem jeweiligen Gebiet ein, um unsere Leser_innen über dieses und ihre diesbezüglichen Ansichten zu informieren. Die Autor_innen stehen in keiner direkten Verbindung zu den Liberalen Demokraten und geben nicht die Ansichten der Liberalen Demokraten wieder.

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