Freiheit und Rücksicht am Ende der Pandemie
Von Paul Vossiek

Die Coronapolitik der Ampelregierung teilt die Bundesrepublik in zwei Lager: „Team Vorsicht“ und „Team Eigenverantwortung“ liegen miteinander im Clinch. Es liegt aber in der Natur eines sozialen Freiheitsgedankens, wie wir ihn vertreten, sich nicht leichtfertig auf eine Seite zu schlagen, sondern die Sorgen und Sichtweisen beider Seiten zu hören, zu durchdenken und zueinander führen zu wollen.

Wir alle sind müde von zwei Jahren Pandemie. Es ist Zeit, dass wir wieder rauskommen, verlorene Zeit aufholen und aufgerissene Wunden heilen können. Das rechtfertigt, neben dem urmenschlichen Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung, Maßnahmen zurückzunehmen. Dabei darf keine Illusion entstehen: Wir sind nicht sicher. Eine immer noch viel zu große Impflücke und immer neue Varianten, die den bestehenden Impfschutz zunehmend überwinden können, machen das unmöglich. Aber, da sind sich die meisten Wissenschaftler inzwischen einig, wir werden mit diesem Virus noch eine lange Zeit leben müssen. Und wirklich leben, das geht nur in einer lebendigen, offenen Gesellschaft.

Das heißt aber nicht, dass es nun angemessen wäre, alle Vorsicht und insbesondere alle Rücksicht der letzten Monate über Bord zu werfen. Stück für Stück werden Freiheiten in unsere Leben zurückkehren. Fangen wir mit den großen Freiheiten an. Reisen, Feiern, Kunst, Kultur, das Zwischenmenschliche. All diese Dinge sind Opt-in. Wenn keine Überlastung des Gesundheitssystems droht, gibt es keinen Grund mehr, sie einzuschränken.

Dem stehen kleinere Freiheiten gegenüber. Einkaufen ohne Maske, ohne Personalausweis und Impfzertifikat zu jonglieren, ein Lokal betreten. Diese Freiheiten – und sie sollten keinesfalls deshalb dauerhaft aufgegeben werden – wiegen geringer. Sie können deshalb auch weiterhin Teil einer Sicherheitsabwägung bleiben. Wenn die kleine Freiheitseinschränkung des Tragens einer Maske etwa anderen einen großen Zugewinn an Freiheit beschert, etwa indem sie Angehörigen einer Risikogruppe erlaubt, ohne Angst vor einer Infektion Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen, dann kann sie auch ohne Überlastung des Gesundheitssystems sinnvoll bleiben.

Konkret scheint es zum jetzigen Zeitpunkt angemessen, das Tragen einer medizinischen Maske in allen öffentlichen Innenräumen, deren Aufsuchen keine freie Entscheidung ist (Öffentliche Stellen, Lebensmitteleinzelhandel, ÖPNV), beizubehalten. Insbesondere sollte dabei allerdings eingehend geprüft werden, ob Maskenpflichten mit besonderen Maskenvorschriften, etwa die FFP2-Pflicht in Bayern, tatsächlich zu einem Sicherheitszugewinn geführt haben, oder ob sie aber durch ein innerdeutsches Regelwirrwarr und geringeren Tragekomfort sogar gegenteilige Effekte erzielt haben, zeigten Studien unlängst doch, dass eine falsch getragene FFP2-Maske kaum wirkungsvoller als eine medizinische Maske ist.

Zusätzlich verdient es speziell die junge Generation, endlich in den Fokus der Politik zu gelangen. Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen arbeiteten lange weit abseits des Normalzustandes. Dass es bis heute versäumt wurde, in Bildungseinrichtungen flächendeckend Luftfilter anzubringen, grenzt dabei an einen Skandal. Pädagoginnen und Pädagogen nach zwei Jahren an der äußersten Belastungsgrenze am derzeit größten Infektionsherd allein zu lassen und die Pandemie mit einem Freedom Day für beendet zu erklären, ist es ebenfalls. Stattdessen sollten Schutzmaßnahmen identifiziert werden, die Kinder und Personal schützen, ohne die pädagogische Arbeit übermäßig zu blockieren. Dabei sollte es vor Ort Entscheidungsspielraum geben.

Schlagwörter: Corona | Freiheit | Pandemie

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