Ökologische Digitalpolitik
Von Paul Vossiek

Ökologie und Digitalisierung gehören zu den entscheidendsten politischen Gestaltungsfragen des 21. Jahrhunderts. Der Klimawandel stellt uns vor eine existenzielle Krise, während immer intelligentere Computersysteme unsere Lebens- und Arbeitswelt auf den Kopf stellen. Wenig beachtet wird dabei, dass diese Phänomene nicht voneinander abgekoppelt sind, sondern sich direkt beeinflussen und verstärken.

Automatisierung und Effizienzsteigerungen durch Computersysteme haben entscheidend zu jenen Trendbeschleunigungen in Wirtschaftsleistung, Produktion und Konsum beigetragen, die heute unsere Ökosysteme und unser Klima bedrohen. Etwa vier Prozent der globalen Treibhausgasemissionen sind direkt auf die Digitalisierung zurückzuführen. Gleichzeitig kann sie aber auch ein wichtiger Hebel hin zu einem dringend nötigen Gegenkurs sein.

Zunächst sind digitale Systeme für eine schnelle und ökonomische Energiewende unabdingbar. Intelligente Stromspeicher und -verbraucher können Netzengpässe überbrücken, in dem sich zum Beispiel die Heizung den Windbedingungen in den Offshorewindparks anpasst, oder indem das E-Auto bei Versorgungsengpässen seinen Ladevorgang zurückstellt oder sogar Energie bereitstellt. Sie machen lokale Energiemarktplätze und dezentrale Energienetze erst möglich.

Beachtet werden muss allerdings auch der Ressourcenbedarf und die Treibhausgasemissionen von Computersystemen. Der größte Teil der CO2-Emissionen fällt dabei auf der Seite der Endgeräte an. Das Produktdesign und die kurzen Innovationszyklen führen bei diesen zu erheblichen Mengen an Elektroschrott, der emissionsintensiv produziert wurde und nun in Schubladen und Schränken ungenutzt herumliegt, oder durch Defekte an kleinen, günstigen Bauteilen oder ausbleibende Updates nicht mehr funktioniert. In Deutschland allein waren das 2018 124 Millionen Mobiltelefone. Um dem entgegenzuwirken, muss mit neuen Auflagen ressourcen- und energieeffizientes Produktdesign erzwungen werden, die zugleich modulare und reparable Hardware einfordern. Mit einem Recht auf Sicherheitsupdates und Reparaturen werden Geräte langlebiger. 

Zudem müssen die Materialien der digitalen Technik in eine Kreislaufwirtschaft eingeführt werden – nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus sozialer Notwendigkeit mit Blick auf die Arbeits- und Menschenrechtsbedingungen in den Gewinnungsländern der Ressourcen. Denkbar sind zum Beispiel Mindesteinsatzquoten recycelter Materialien bei der Herstellung bestimmter Komponenten. Wichtig ist, dass Elektroschrott vor Ort unter nachhaltigen Bedingungen verwertet wird, statt auf Halden in Entwicklungsländern zu enden.

Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind die Treibhausgasemissionen, die beim Betrieb der Rechenzentren, die unter anderem Clouddienste bereitstellen, anfallen. Hier gibt es im aktuellen gesetzlichen Rahmen kaum ökonomische Anreize für einen sparsamen Umgang mit Energie und Rohstoffen, weshalb für die Forschung und Entwicklung nachhaltiger Alternativen zu wenig Finanzierung bereitsteht. Rechenzentren könnten beispielsweise in kommunalen Wärmenetzen eine entscheidende Rolle spielen, indem die bei den Rechenprozessen entstehende Abwärme zum Heizen verwendet wird. 

Erst wenn die Digitalisierung selbst ökologischen Ansprüchen genügt, wird sie in einer Vielzahl von Anwendungsbereichen zu einem universellen Optimierungswerkzeug im Kampf gegen den Klimawandel werden.

Schlagwörter: Digitales | Klima | Umwelt
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